Migration und Integration zentraler Anwendungslogik mit Linux
Kunde
Bürgel Wirtschaftsinformationen GmbH & Co. KG
Bürgel ist eine der führenden Wirtschaftsauskunfteien Deutschlands und bietet als Tochtergesellschaft von Euler Hermes (Allianz Gruppe) und EOS (Otto Gruppe) Dienstleistungen in den Bereichen Kreditmanagement, Forderungsmanagement und Direktmarketingmanagement an. Die zentrale Datenbank in Hamburg enthält Wirtschaftsinformationen über rund 3,6 Mio. Unternehmen und 37 Mio. Privatpersonen in Deutschland.
Branche
Dienstleistung / Wirtschaftsauskunft
Highlights
Immer mehr Unternehmen stehen vor Entscheidungen wie Bürgel sie getroffen hat. Ob Migration oder Integration: Linux und Open Source erfüllen bei sorgfältiger Planung auch höchste Ansprüche, sogar ohne Schulung, ohne Neuprogrammierung und mit reiner Codemigration wie in diesem Beispiel gezeigt. So können die Leistungsfähigkeit und die Flexibilität der Datenverarbeitung optimiert werden und sich Unternehmen nicht nur von der Kosten- sondern auch von der Nutzenseite her strategische Vorteile verschaffen.
Ausgangssituation
Die Wirtschaftsauskunftei Bürgel stand im Jahr 2002 vor einer Neuausrichtung der Geschäftsfelder und einer Schwerpunktbildung für Online-Geschäfte. Es wurden neue Hardware-Kapazitäten benötigt.
Es stand die Investition in eine neue Großrechner-Generation bevor, da der Wartungsvertrag für das vorhandene System in absehbarer Zeit auslaufen würde. Die Erfahrungen mit dem bestehenden Großrechner waren gut, aber die für die Neuausrichtung benötigten Kapazitäten erforderten hohe Kosten.
Die bereits bei Bürgel zu diesem Zeitpunkt in Pilotprojekten erfolgreich erprobte Strategie, Linux und Open Source in Satelliten-Systemen einzusetzen, erfüllt bei sorgfältiger Planung auch höchste Ansprüche. So konnten bereits seit 2001 sehr positive Erfahrungen mit der Leistungsfähigkeit und Stabilität von HPC-Linux-Clustern (z. B. zur Steigerung von Anfrage- und Verarbeitungskapazitäten) gemacht werden.
Nach Durchführung verschiedener Machbarkeitsstudien, einigen erfolgreichen Pilotprojekten und einer intensiven Technologierecherche stand das alternative Ziel fest: Bürgel entschied sich, mit der kompletten Geschäftsprozess- und Systemlandschaft auf Linux und Open Source umzusteigen. Wesentlich war hierbei die Koppelung bewährter Technologien wie Cobol und DB2 mit neuen Komponenten wie Java/J2EE und Application Server. Bürgel verfolgt das Ziel, in neue Technologien zu investieren, um die Leistungsfähigkeit und die Flexibilität seiner Datenverarbeitung zu optimieren.
Eine der Kernkomponenten, deren Logik auf Cobol und DB2 basierte, war die Dialoganwendung zur Erfassung und Wartung sämtlicher Daten des Systems. Deutschlandweit wurde die Anwendung von über 1.000 Benutzern in Terminalapplikationen (3270-Technologie) benutzt.
Schon frühzeitig wurde die Migration der dazugehörigen Systemstruktur als eine der größten Herausforderungen des Gesamtprojekts erkannt.
Ziele / Kritische Erfolgsfaktoren
- Keine Notwendigkeit für die Schulung der Endanwender -> das HOST Look & Feel sollte vorerst erhalten bleiben.
- Keine Neuprogrammierung der ca. 500 Dialoge und 1.500 Programm-Module
- Schaffung von Möglichkeiten für spätere Erweiterungen
- Einsatz von Open Source, wo möglich und sinnvoll
- Beibehaltung von zentraler Verarbeitung und Datenhaltung - schlanke Clients
- Durchführung einer weichen Migration parallel zum laufenden Geschäftsbetrieb
- Einsatz moderner Softwareentwicklungs-Technologien (Java, Eclipse)
Lösungsansatz / Vorgehensweise
Nach Besuch von Fachmessen mit persönlichen Gesprächen und monatelanger vergeblicher Bemühungen, bei den entsprechenden Software-Herstellern ein geeignetes Migrationstool zu erhalten, entschied man sich auch hier, den individuellen und damit sicheren Weg zu gehen.
Die auf dem bisherigen Großrechner/Host eingesetzten Systeme bestanden aus einer Mischung von Cobol-Programmen und aus einer Generierungssprache (VAGen). Die Endanwender-Dialoge wurden über das Transaktionssystem IMS bedient und koordiniert.
Nach eingehender Prüfung des vorhandenen Quellcodes, der Erstellung des Prototypen und der Evaluierung der Entwicklungsumgebung Eclipse, traf Bürgel die Entscheidung, die vorhandenen 500 Dialoge sowie die zugehörigen ca. 1.500 Programmmodule per Code-Migration nach Java zu portieren.
Die cimt ag entwickelte einen auf Java/J2EE basierenden Prototyp zur Abbildung zentraler Cobol-Programmlogik. Aufgrund mehrjähriger Projekterfahrungen im J2EE-Umfeld wurde eine Expertise zur Umsetzung des gesamten Dialogsystems in eine Zielumgebung mit Linux und J2EE erstellt.
Dem lag die Entwicklung eines Java-Frameworks zur Durchführung der Portierung des vorhandenen Cobol-Codes zugrunde. Das Framework enthielt so die erforderlichen Standardtypen, Control-Statements und Basis-Funktionen der Anwendungslogik (Input, Output, Formatierung). Die Ablaufkontrolle des bis dahin eingesetzten Transaktionssystem IMS wurde durch die Java Servlet Engine TOMCAT abgebildet. Prämisse war hier die Gewährleistung von hoher Parallelität, um den erforderlichen Durchsatz gewährleisten zu können.
Für die Migration der Anwendungen entwickelte die cimt ag einen Konverter, der aus den ca. 1.500 Programm-Modulen ca. 15.000 Java Klassen generierte. Der neu erzeugte Programm-Code wurde durch Einsatz der Open Source Versionierungs-Software Subversion strukturiert abgelegt.
In Paralleltests wurde die Anwendungsfunktionalität ausgiebig geprüft und mit dem Entwicklungsstand der existierenden Software verglichen. Ein paralleles Arbeiten sowohl in der neuen TOMCAT-Architektur als auch in der bisherigen HOST IMS wurde durch den Zugriff auf ein zentrales Datenbanksystem ermöglicht.
Zum Stichtag stellten Bürgel und cimt im laufenden Geschäftsbetrieb die Dialog-Anwendung für deutschlandweit mehr als 1.000 Benutzer und die dadurch direkt betroffenen mehreren 1.000 Kunden auf Linux um. Durch den gekoppelten Einsatz von Java- und Cobol-Programmen ersetzte nun ein aus Standard-Servern bestehender Applikationscluster den Großrechner.
Die Einführung in den produktiven Betrieb erfolgte zunächst mit einzelnen Benutzern, anschließend sukzessive mit einzelnen Standorten. Die dafür verwendeten Server sind unter den Aspekten der Hochverfügbarkeit jeweils mehrfach redundant ausgelegt, so dass selbst bei Komplettausfall einzelner Server-Systeme weiterhin unveränderter Betrieb bei nahezu gleichbleibender Verarbeitungsgeschwindigkeit möglich ist.
Ergebnis / Nutzen für den Kunden
- Die Anwendung ist flexibler geworden, der Kunde kann schneller auf neue Anforderungen eingehen und spart Kosten bei Erweiterungen
- Weder Bürgel-Mitarbeiter noch Kunden wurden durch die große EDV-Umstellung maßgeblich in ihrer Arbeit beeinträchtigt
- Keine zusätzlichen Lizenzgebühren bei Erweiterungen
- Redundanz der Systeme in allen Schichten, durch Clustering beliebige Erweiterbarkeit ohne sprungfixe Kosten
- Die Server arbeiten auf einem hohen Stabilitätsniveau, wie die Erfahrungen mehrmonatigen Produktionsbetrieb zeigen
Projektsteckbrief
Status: Produktion
Dauer: ca. 1,5 Jahre
Projektart: Technologieprojekt
Umfang: 3 Berater, 3 Kunden-Mitarbeiter
Ausblick: Produktivstart seit August 2005
IT-Technologie:
- IBM Mainframe OS/390
- IMS DB/2
- MS Visual C++
- Linux: SuSe
- Java J2EE, TOMCAT, RMI, IBM UDB
- Eclipse, Maven, Subversion
Ansprechpartner
Weiterführende Informationen zu diesem und ähnlichen Projekten erhalten Sie bei:
Christian Kreutzmann / Tel.: +49 (40) 53302-0

